So bunt kann Schule sein - Hospitation an der Kapriole Freiburg

Autorin Und fotos: Veronika Hopf

Im Mai diesen Jahres fuhr ich zusammen mit meinem jüngsten Sohn Aaron und meinem Schulgründungsmitstreiter Alex nach Freiburg. Wir bekamen die Möglichkeit, für drei Tage an der Kapriole zu hospitieren. Die Kapriole ist eine Freie Demokratische Schule, die seit 1997 staatlich genehmigt ist und schon seit langem ein erfolgreicher Lern- und Lebensort ist. Mit derzeit rund 100 Schülern, ist die Kapriole eine der größten Demokratischen Schulen Deutschlands. Wir waren sehr gespannt was uns dort erwarten würde.

Als wir ankamen wurden wir sehr herzlich von allen begrüßt, die uns über den Weg liefen. Bereits beim Betreten des Gebäudes spürte ich die entspannte Atmosphäre, die dort herrschte.
Kinder tobten auf den Gängen, einige kamen gerade erst an und fanden sich ein, die Erwachsenen tranken ihren Kaffee und saßen gemeinsam mit den Schülern im Raum Indien (alle Räume der Kapriole sind nach Ländernamen benannt). Indien ist das Pendant zum Lehrerzimmer einer gewöhnlichen Schule. Jedoch unterscheidet sich dieser Raum von einem Lehrerzimmer dadurch, dass dort Lehrer wie Schüler ihre Zeit gemeinsam verbringen. Sie Essen dort zusammen, reden, spielen Spiele, diskutieren und vieles mehr.

Wir bekamen dann eine kurze Einführung wie wir uns verhalten sollten. Unsere Rolle war die, der Fliege an der Wand. Den Menschen an der Kapriole war es wichtig, dass wir das Schulgeschehen mit unserer Anwesenheit nicht zu sehr beeinflussen, da wohl schon negative Erfahrungen mit Hospitanten gemacht wurden.
Auch wurde uns kurz erklärt, dass leider genau in der Woche unserer Hospitation kein normaler Schulalltag stattfinden würde, denn die Schüler haben in der Schulversammlung beschlossen, dass sie gerne Projektwochen machen würden. Diese waren gerade voll am Laufen als wir ankamen – was wir auch sehr spannend fanden.

Die Projektvorschläge wurden von den Schülern selbst eingereicht, und dann wurde gemeinschaftlich darüber abgestimmt. Realisiert wurden Projekte wie Töpfern, Das Schwarze Auge Rollenspiel, Stop Motion,  Demokratie, Überleben in der Wildnis, Zirkus und Theater, Kochen und Backen, Lego und Lego Technik, Englisch- und Deutschwerkstatt, Schreibwerkstatt und noch einige mehr. Die Kinder widmeten sich mit Begeisterung den von ihnen gewählten Projekten.

Auch an der Schulversammlung durften wir teilnehmen. Die Teilnahme an der Versammlung seitens der Kinder und Jugendlichen war nicht sehr hoch, doch diejenigen die anwesend waren, beteiligten sich aktiv an den Abstimmungen. Die Versammlung wurde von zwei Jungs im Alter von ungefähr 10 Jahren geleitet.  Wir staunten über deren selbstbewusstes Auftreten und deren Souveränität. Sie trugen die einzelnen Themen vor und leiteten die demokratischen Abstimmungen mit einer Selbstsicherheit und Kommunikationsfähigkeit, die wir selten bei Gleichaltrigen erlebten. Kaum jemand hatte Scheu seine Meinung dazu zu geben. Jeder wurde angehört.

Nach der Schulversammlung wurden wir von einem achtjährigen Mädchen, die sich freiwillig meldete, durchs komplette Schulgebäude geführt und sie erklärte uns alles was wir wissen wollten. Sie zeigte uns die Vielfalt an Räumen die es an der Kapriole gibt. Darunter waren zwei Turnräume, ein Töpferraum, ein Malraum, Räume mit Tafel und Schultischen für klassischen Unterricht auf Wunsch, zwei voll ausgestattete Werkstätten, ein Raum voll mit Lego, ein Musikraum mit zahlreichen Instrumenten, eine voll ausgestattete Küche, Räume mit Büchern und Lernmaterialien und zahlreiche liebevoll gestaltete Ruheräume. Die Bandbreite an Möglichkeiten, die diese Schule bietet, war kaum zu glauben. Außerdem gibt es ein riesiges Naturareal mit Begrenzungen für die unterschiedlichen Altersstufen der Kinder. Im Schulgarten ist ein Spielplatz und daneben ein Bolzplatz -  einfach fantastisch! Im Garten lernte ich die Mutter einer Schülerin kennen, sie sagte zu mir:

Meine Tocher freut sich nie auf die Ferien oder auf`s Wochenende. Sie liebt Ihre Schule.

Auch die Vielfalt der Menschen ist wunderbar. Unter den Erwachsenen waren Professionen wie Sportler, Biologen, Geologen, Schreiner, Pädagogen, Lehrer, Musiker, Schmuckmacher und noch einige mehr vorhanden. Und dann noch die Buntheit der jungen Persönlichkeiten an dieser Schule….

Nach der Schulversammlung bewegten wir uns frei auf dem kompletten Schulgelände und ließen uns vom Schulgeschehen treiben. Wir setzten uns immer wieder in die unterschiedlichen Projekte und beobachteten. Überall an dieser Schule passierte etwas. Draußen im großen Garten tobte und kletterte immer wieder die gleiche Gruppe von kleinen Mädchen, eine andere Gruppe liebte es Brettspiele zu spielen. Beim Rollenspiel waren immer die gleichen Jungs, die sich vollends in das Thema vertieften. Eine Gruppe sechsjähriger Mädchen spielte immer wiederkehrend Schule. Doch die Schule die sie spielten, war ganz anders als die, in der sie sich befanden. Die Lehrerin stand an der Tafel und war sehr streng. Die Schülerinnen mussten sich melden um etwas zu sagen und durften nur in der Pause auf die Toilette gehen. Das war bezaubernd mitanzusehen.
Das Projekt Überleben in der Wildnis baute gemeinsam ein Tipi auf und wer wollte konnte sogar darin übernachten. Morgens gabs dann Frühstück am Lagerfeuer im Zelt. Andere Kinder - Mädchen wie Jungs - waren im Projekt Kochen und Backen. Jeden Tag gab es etwas neues leckeres – Pizza, frischgebackenes Brot, Kuchen. Die Kinder widmeten sich mit voller Begeisterung der Essenszubereitung – bis hin zur Verspeisung.

Auch die ja so umstrittene Mediennutzung steht an der Kapriole auf der Tagesordnung. Zur Nutzung der Computer mussten die Kleineren einen Führerschein machen (übrigens auch für die Nutzung der Werkstätten). Dort lernten Sie die Bedienung des Computers. Jeder durfte 30 Minuten Computerspiele spielen. Die Kinder saßen meist mit Freunden am Computer und warteten bis die Eieruhr klingelte, danach war der nächste dran. Die 30-Minuten-Regel wurde interessanterweise von den Kindern selbst eingeführt, denn einige beschwerten sich darüber, dass ihre Freunde solange Computerspiele spielen und sie aber gern mit ihnen zusammen etwas spielen würden.
Das Thema wurde in der Schulversammlung vorgebracht. Die Idee einer 30-Minuten-Regel kam auf und nach mehrheitlicher Abstimmung wurde sie eingeführt und von allen angenommen.
Jugendliche haben freien Zugang zu Medien. Der Raum Griechenland ist der Raum der Großen, der Ihnen zum Rückzug dient. Dort sitzen sie meist in Gruppen und unterhalten sich, bereiten sich auf ihre Abschlussprüfung vor, (wozu sie sich selbst entscheiden, diese an einer Partnerschule abzulegen), oder nutzen ihr Smartphone.

Das Gebäude der Kapriole ist wie ein lang gezogenes U aufgebaut. Der eine Flügel ist überwiegend für die Großen, und der anderen Flügel für die Kleinen, doch jeder kann sich frei bewegen. Im Flur des Bereichs der Kleineren hat immer ein Erwachsener Rückenfrei-Dienst und ist ständig anwesend für die Belange der Kinder.

Auch die Kläranlage möchte ich als wichtigen Bestandteil der Demokratischen Schule noch erwähnen. Leider bekamen wir nicht die Möglichkeit daran teilzuhaben, aber wir haben uns davon erzählen lassen. Vor dem Raum Indien, hängt ein kleines hölzernes Kästchen, auf dem Kläranlage steht. Gibt es Konflikte, die untereinander nicht selbst geklärt werden können, kann man einen Zettel dort einwerfen, mit der Bitte um Klärung. Es finden sich alle am Konflikt Beteiligten und deren Vertrauenslehrer ein, und dann wird gemeinsam über den Konflikt gesprochen und eine Lösung bzw. „Bestrafung“ für den „Schuldigen“ gefunden. So bekommt die Einhaltung der selbst aufgestellten Regeln ihre Wertigkeit.
In einer Demokratischen Schule herrscht keine Anarchie. Im Gegenteil. Es gibt sehr wohl Regeln, und davon nicht wenige. Der Unterschied zu anderen Systemen ist jedoch, dass die Menschen an dieser Schule diese Regeln gemeinsam und gemeinschaftlich aufstellen.

Auf den ersten Blick wirkt der Schulalltag schon etwas chaotisch, doch bei näherem Hinsehen bemerkt man, dass jeder irgendwie seinen Platz hat.
An einer Demokratischen Schule ist alles ständig in Veränderung. Die Menschen an diesem Ort formen sich ihre Umgebung selbst. Jeder kann sich frei bewegen, seinen Bedürfnissen nachgehen und seinen Teil zur Gemeinschaft beitragen. Niemand hat Stress.
Bemerkenswert war vor allem der Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern. So etwas habe ich noch nie an einer Schule erlebt. Es gibt keine Trennung der Lebenswelten. Der Alltag wird gemeinsam verbracht und es wird auf Augenhöhe kommuniziert. Die Grenzen der Anderen müssen respektiert werden, und ein respektvoller Umgang untereinander steht ganz oben.
Jedes Kind hat eine Beszugsperson, die es selbst wählt. Durch diese unsichtbaren Bänder, die die Menschen dort verbinden, herrscht eine Kultur des Vertrauens, und das spürt man sofort.

Beim Abschlussgespräch am letzten Tag sagte uns einer der Pädagogen:

Was unsere Schule ausmacht ist, dass die Kinder sich schlicht und einfach den ganzen Tag miteinander unterhalten können und nicht gezwungen werden, still zu sein.

Ich verstand sofort, was er damit sagen möchte. Lernen funktioniert hier ganz anders. Durch den ständigen Austausch der dort stattfindet, entwickeln Kinder Fähigkeiten auf zwischenmenschlicher Ebene (Hilfsbereitschaft, Empathie, Kommunikationsfähigkeiten, Argumentationsfähigkeit), die sowohl für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, als auch für eine Gesellschaft von unermesslichem Wert sind. Es war eine absolut bereichernde Erfahrung!